Kfz-Gewerbe Hessen: Zuversicht für 2022

Autojahr 2021: starke Verluste bei Pkw-Neuzulassungen – Markenhandel verliert im guten Gebrauchtwagen-Markt – Werkstattumsatz im Minus – Elektromobilität weiter in einer Hoch-Zeit – Höhere Preise für neue und gebrauchte Pkw – Ausbildung leicht im Plus – Forderungen an Politik und Hersteller – Zuversicht für das neue Autojahr


Wiesbaden. Weitere Engpässe bei neuen Pkw, wachsende Nachfrage bei Gebrauchtwagen und ein sich auflösender Bestellstau bei Neufahrzeugen ab Jahresmitte: So formuliert der Kfz-Verband Hessen seine Erwartung für das neue Autojahr in Hessen. Der Blick in den Rückspiegel auf das zweite Corona-Jahr allerdings offenbart eine „Bilanz der Überraschungen mit Licht und Schatten“. Mit einem unerwarteten Gesamtumsatz auf Vorjahresniveau trotz des Zulassungsminus von knapp 22.000 Pkw war das Neuwagengeschäft ohne Glanz. Als gegenläufig muss das Gebrauchtwagengeschäft bezeichnet werden, denn der Markenhandel büßte mit einem Umsatz von 4,4 (Vorjahr: 4,6) Milliarden Euro rund 40.000 Besitzumschreibungen ein. Der Gebrauchtwagenmarkt war der Gewinner 2021 mit fast 140.000 (Vorjahr: 122.237) Besitzumschreibungen und einem Umsatz von zwei (Vorjahr: 1,6) Milliarden Euro. Insgesamt erreichte der hessische Markt mit dem Verkauf neuer und gebrauchter Pkw und Lkw sowie dem Service mit 22,5 Milliarden Euro fast das Vorjahresniveau. Positiv waren einzig die Ergebnisse im Geschäft mit gebrauchten Pkw. Der Service ist mit einer Werkstattauslastung von 80 Prozent „mit einem blauen Auge davongekommen“. Der Umsatz sank allerdings um 5,1 Prozent. Die Umsatzrendite vor Steuern betrug 1,3 (Vorjahr: 1,2) Prozent.


Das zweite Corona-Jahr bilanziere 795.160 (Vorjahr: 830.016) Autokäufe. Der Verlust gegenüber dem letzten Vor-Corona-Jahr mit 936.587 Autokäufen betrage 15 Prozent. Das Jahresergebnis 2021 gliedere sich in 276.989 (minus 7,2 Prozent) Neuzulassungen und 518.171 (minus 2,5 Prozent) Besitzumschreibungen. 115.475 neue Benziner seien 22,3 Prozent weniger, 53.809 Diesel 37 Prozent weniger als im Jahr 2020. Verbrenner hätten damit einen Anteil von 61,1 (Vorjahr: 78,4) Prozent.


Die Elektromobilität habe ihre Hoch-Zeit dank der bis zu 9.000 Euro großen Innovationsprämie fortgesetzt. Im vergangenen Jahr habe sich das Volumen der E-Zulassungen in Hessen auf 65.733 Pkw nahezu verdoppelt. Dazu zählten rein batteriebetriebene Elektroautos (BEV), Plug-In-Hybride (PHEV) und Brennstoffzellenfahrzeuge (FCEV). Der Anteil der E-Mobilität sei von 11,1 auf 23,8 Prozent gestiegen. Das Segment der alternativen Antriebe habe nun 38,9 (Vorjahr: 21,7) Prozent. Diese Entwicklung zeige „die Wirkung der hohen Subventionen, fern jeglicher Technologieoffenheit".

Die Statistik spiegele jedoch die automobile Realität nicht vollständig wider, sagte Karpinski, denn die Begriffsbestimmung Hybrid enthalte auch Diesel- und Benzinmotoren. Bekanntlich sei beispielsweise bei den in hohen Stückzahlen zugelassenen Mildhybrid-Antrieben neben einem Diesel- oder Benzinmotor ein 48-Volt-Startergenerator verbaut, der zwar das Spritsparen fördere, einen rein elektrischen Betrieb aber nicht ermögliche. Alle Mildhybrid-Antriebe würden in der KBA-Statistik den alternativen Antrieben zugerechnet. Dies seien allein in Hessen 40.297 Fahrzeuge. Ziehe man dieses Segment aus der Gruppe der alternativen Antriebe ab, bleibe noch eine Quote von 24,3 Prozent an allen Neuzulassungen.


E-Gebrauchte noch auf schwachem Niveau
Während bei den neuen Pkw die Hoch-Zeiten der E-Mobilität anhielten, sei die Elektrifizierung bei den Gebrauchten noch „auf schwachem Niveau“. 4.272 Halterwechsel für reine batteriebetriebene Pkw und 4.514 für Plug-in-Hybride seien Anteile von 0,8, beziehungsweise 0,9 Prozent. Diese Zahlen zeigten, dass es noch keinen funktionierenden Gebrauchtwagenmarkt in Hessen für E-Pkw gebe. Jürgen Karpinski nannte folgendes Beispiel: Wenn zwei Jahre alte Elektroautos mit 20.000 Kilometern Laufleistung ähnlich teuer wie ein neues Fahrzeug seien, sei eine Vermarktung des sogenannten Vorbesitzes nahezu unmöglich.

Ob die vom Wirtschaftsministerium angekündigte Verlängerung der Haltedauer von sechs auf zwölf Monate für neue Stromer den erhofften Impuls für den heimischen E-Gebrauchtwagenmarkt bringe, müsse bezweifelt werden. Wegen des Chipmangels warteten Besteller eines Neuwagens zurzeit ein halbes Jahr oder länger auf ihr Auto. Bei Elektroautos sei das nicht anders als bei Fahrzeugen mit konventionellen Antrieben. Viele Interessenten griffen deshalb trotz der hohen Preise zu jungen Gebrauchten.


Freier Handel gewinnt im Gebrauchtwagenmarkt

Der Gebrauchtwagenmarkt 2021 sei, wie Karpinski mitteilte, „mit einem unterdurchschnittlichen Minus“ von 2,5 Prozent (Bund: 4,5 Prozent) und fast 520.000 Besitzumschreibungen „deutlich besser als befürchtet“ verlaufen.

Eine Art Mangelwirtschaft im Geschäft mit neuen und gebrauchten Pkw habe die Branche vor allem in der zweiten Jahreshälfte erlebt. Das Plus zum 30. Juni beispielsweise für neue Pkw sei von 12,8 auf minus 7,2 Prozent dahin geschmolzen. Ähnlich sei die Lage bei gebrauchten Pkw gewesen, die Ende Juni von Plus 8,2 Prozent in die roten Zahlen rauschten. Zuerst habe es weniger neue, dann auch weniger gebrauchte Pkw gegeben. Ein Teufelskreis, der vor allem den Markenhandel betroffen habe, der bei „Gebrauchtwagen mit jungen und sehr jungen Modellen die Lieferprobleme bei neuen Pkw beantworten konnte“. Diese Medaille habe aber eine positive Seite, denn zahlreiche Händler hätten in dem sehr schweren und schwierigen Autojahr 2021 dennoch höhere Gewinne eingefahren. Bessere Bruttoerträge durch die hohe Nachfrage seien der Grund.


Die moderaten Umsatz-Einbußen seien auf die „neuen Preise für neue und gebrauchte Pkw zurückzuführen“. Mit 37.940 Euro habe der durchschnittliche Neuwagen zu Buche geschlagen, mit 15.810 Euro der Erwerb eines gebrauchten Pkw. Karpinski sagte, der gestiegene Marktanteil der SUV habe ebenso wie die Elektromobilität und die unverändert bestehenden Kundenwünsche nach Ausstattung, Umweltschutz, Komfort und Sicherheit beigetragen. SUV hätten jetzt einen Marktanteil von 37,9 (Vorjahr: 33,5) Prozent.

Nutzfahrzeugmarkt mit Licht und Schatten
Den Nutzfahrzeugmarkt in Hessen bezeichnete Vize-Präsident Michael Kraft als „einen Markt mit Licht und Schatten.“ In Zahlen ausgedrückt seien 37.262 Transporter, also leichte Nutzfahrzeuge mit zulässigen Gesamtgewichten von bis zu 6 Tonnen neu zugelassen worden. Das entspreche einem Rückgang von 12,6 Prozent gegenüber dem Jahr 2020 (42.629). Bei den gebrauchten Transportern erfolgten 49.582 Besitzumschreibungen und damit 0,2 Prozent weniger als im Vorjahr (49.678). 4.080 neue Lkw wurden zugelassen. Das sind 6,8 Prozent mehr als im Vorjahr (3.822). Bei den gebrauchten Lkw stehen 4.856 Besitzumschreibungen zu Buche (Vorjahr: 4.253). Das entspreche einem Plus von 14,2 Prozent.
Der Gesamtumsatz mit neuen und gebrauchten Lkw betrug 2.098,1 Millionen Euro. Gegenüber 2020 mit 2.231,8 Millionen Euro Umsatz bedeute das ein Minus von 6 Prozent.

Die Lieferengpässe bei Halbleitern hätten auch den Nutzfahrzeugmarkt stark getroffen. „Wir hätten mehr verkaufen können, wenn wir mehr Ware gehabt hätten“, erklärt Michael Kraft den hohen Rückgang in diesem Segment.

Die Politik muss liefern
„Die Politik muss liefern“, sagte Karpinski mit Hinweis auf die lückenhafte Ladeinfrastruktur für die E-Mobilität. Ebenso bei synthetischen Kraftstoffen für die Bestands-Fahrzeuge. Beim Thema E-Fuels müssten die Verantwortlichen in der Politik einen Blick auf den Motorsport werfen. Sowohl in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) als auch in der europäischen Le-Mans-Serie (ELMS) setzten Teams auf den synthetischen Kraftstoff, mit dem die CO2-Emissionen bis zu 65 Prozent reduziert würden. Karpinski: „Was technisch auf der Rennstrecke funktioniert, sollte auch im Alltag möglich sein.“

In Hessen gebe es aktuell 2.933 Normallader und 527 Schnelllader. Das reiche schon heute bei einem Bestand von bald 100.000 E-Fahrzeugen nicht aus. Der Blick auf den Verbrenner-Bestand in Hessen mit fünf Millionen Pkw und Lkw zeige, dass es perspektivisch nicht ohne E-Fuels gehe, sollten die Klimaziele im Verkehr erreicht werden.

Auch die Förderung von Plug-in-Hybriden dürfe weder gestrichen noch spürbar gekürzt werden. Diese Modelle seien die Eingangstür zur Elektromobilität, sagte Karpinski. Plug-in-Hybride würden nämlich vor allem auch mit der Sorge fehlender Reichweite aufräumen. Und diese Lücken würden bei dem aktuellen Tempo der Ladeinfrastruktur auf Jahre betrachtet noch weiter bestehen.

Ein großes Ärgernis sei die ungeklärte Förderung, weil als entscheidendes Datum der Tag der Zulassung für die Förderung feststehe. Die Forderung des Kfz-Gewerbes, als Termin den Tag der Bestellung zu nehmen, sei noch ungehört in Berlin verklungen. Dies sei aber sehr wichtig. Wer sich heute für ein neues E-Fahrzeug entscheide und eine Bestellung auslöse, müsse in den allermeisten Fällen bis zum Jahr 2023 warten, bis das Auto geliefert und zugelassen wird. Das bedeute: Weder Händler noch Kunde können aktuell einen korrekten Fahrzeugpreis kalkulieren, weil nicht sicher ist, mit welcher Förderung dann zu rechnen sei.
Karpinski verwies in diesem Zusammenhang auf eine Umfrage des Zentralverbandes, der vor wenigen Tagen berichtet hatte, dass rund die Hälfte der Kunden, die sich im Januar für den Kauf eines batteriebetriebenen Fahrzeugs oder eines Plug-in-Hybrid interessiert hätten, sich gegen den Kauf entschieden hätten. Fehlende Klarheit bei der Fördersituation über das Jahr 2022 hinaus sei für die Verunsicherung verantwortlich.

THG-Quote auch in Autohäusern
Außer der hohen Innovationsprämie beim Kauf von Stromern und Plug-in-Hybriden gebe es seit 1. Januar eine „weitere finanzielle Förderung“ mit der Treibhausgasminderungsquote (THG), die einem E-Nutzer zwischen 250 und 400 Euro einbringen könne. Autohäuser wollen sich, wie Karpinski ankündigte, als „erste Anlaufadresse positionieren“, um für den Käufer und Nutzer eines vollelektrischen Fahrzeugs „Jahr für Jahr diese Prämie“ zu sichern. Das Antragsverfahren könne im Autohaus als neue Dienstleistung nachgefragt werden. E-Prämien würden sowieso in vielen Fällen vom Autohaus für den Käufer beantragt.

Datengesetz der EU kann Klarheit schaffen
Die Herausforderungen des Jahres 2022 für das Kfz-Gewerbe seien auch „interner Art mit unseren Vertragspartnern Automobilindustrie“. Das Thema Daten-Hoheit könne sich durch das am heutigen 23. Februar vorgestellte neue Datengesetz der EU-Kommission erledigen.

Die Forderung des Kfz-Gewerbes an Berlin und Brüssel laute: Alle Kfz-Betriebe, ganz gleich ob markengebunden oder frei sowie Unternehmen des Kfz-Aftermarkets, der Industrie und Mobilitätsdienstleister müssten gleichberechtige Zugangsmöglichkeiten zu allen im Fahrzeug vorhandenen und dort generierten Daten und Funktionen erhalten, die den Automobilherstellern zur Verfügung stünden. Dies müsse auf der Grundlage wettbewerbswahrender Kosten geschehen.

Der Blick auf die weitere Zukunft sei von “den beiden großen C geprägt“. Wie es mit der Corona-Pandemie weiter gehe, müsse trotz leichter Verbesserungen abgewartet werden. Karpinski sagte, der Automobilhandel sei froh, dass sich seine Auffassung bestätigt habe, dass Autohäuser „sichere Einkaufsquellen“ seien. Das zweite C, die Chip-Krise, werde zumindest das erste Halbjahr 2022 mit Lieferschwierigkeiten bestimmen.

In der Berufsausbildung zeichne sich eine leichte Entspannung ab. Auch in Krisenzeiten, sagte Karpinski, bleibe der Kfz-Mechatroniker der Wunschberuf Nummer eins. Die Herausforderungen der Elektromobilität und die Zunahme von Sensorik und vernetzten Systemen in allen Fahrzeugklassen, erhöhten die Attraktivität des Berufs in den Werkstätten. 1.395 neue Ausbildungsverträge für den Kfz-Mechatroniker (plus 2,2 Prozent) und 354 beim Automobilkaufmann/-frau (plus 5,4 Prozent) seien hoffnungsvolle Signale. Bemerkenswert sei, dass dieses Plus erreicht worden sei, obgleich Corona-bedingt viele bewährte Formate der Berufsorientierung und Nachwuchswerbung 2021 nicht, oder nur in eingeschränkter Form, durchgeführt werden konnten. Womöglich wäre die Bilanz noch besser ausgefallen, wenn Ausbildungsmessen und Infoveranstaltungen in Schulen wie geplant hätten stattfinden können.

Der Jahresstart sei bei neuen Pkw ein Fehlstart mit minus 6,3 Prozent gewesen, gebrauchte Pkw hätten ein sehr kleines Plus (0,2 Prozent) erlebt. Die Frage, wie es weiter gehe, sei schwer zu beantworten. Fest stehe bei vollen Auftragsbüchern, dass die automobile Kauflust ungebrochen sei. Hoher Auftragsbestand und lange Lieferzeiten seien alles andere als die Wunsch-Welt des Kfz-Gewerbes.

Karpinski sagte, eine geteilte Prognose für Hessen weise 130.000 Neuzulassungen für die ersten sechs Monate aus und 160.000 für das zweite Halbjahr. Die erwarteten 290.000 Pkw-Neuzulassungen seien ein Plus von fünf Prozent. 530.000 bis 540.000 Gebrauchtwagen könnten in diesem Jahr verkauft werden. Und im Service werde es dabei bleiben, dass zurückgehende Jahresfahrleistungen und verstärkte Home-Office-Regeln das Service- und Wartungspotenzial nicht erhöhten. Karpinski: „2022 wird ein forderndes Autojahr für das Kfz-Gewerbe, aber wir blicken zuversichtlich nach vorne. Vielleicht kommt 2023 die automobile Normalität wieder zurück.“